Martin Fuge, Lehrer

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Martin Fuge, Lehrer

Einer meiner Lieblingsmomente in Berlin: Kants Ampel am Heinrichsplatz

Zur Abschlusskundgebung des Kreuzberger CSDs, der in den letzten Jahren zumeist transgenialer genannt wird, ist der Heinrichplatz für den Straßenverkehr abgesperrt. Nichtsdestotrotz bleibt die Ampel eingeschaltet. Und während wir uns in revolutionären Reden üben, patriarchatskritischen Showeinlagen zuschauen, Flüchtlinge willkommen heißen und alles in allem überzeugt davon sind, dass eine queere Welt eine bessere Welt wäre, gemahnt uns die Ampel gleichsam in preußisch-kantianischer Pflichterfüllung, die vor sinnfreien Aufgaben nicht zurückschreckt, daran, dass leider morgen oder spätestens übermorgen wieder der ganz normale Wahnsinn einer heteronormativ strukturierten Welt auf uns losgelassen wird – und uns zu einem Teil ihrer selbst macht.

Stur und ohne Wankelmut geht die Ampel ihrer Aufgabe nach und wechselt von rot nach grün und wieder zurück, so wie auch wir (zumindest viele von uns, jedenfalls ich) morgen wieder zum Rädchen im kapitalistisch-patriarchalischen Getriebe werden, zu Opfern und Täter_innen einer – jedenfalls in ihrer derzeit praktizierten Form – Ausbeutungs- und Missbrauchsmaschinerie, einer strukturellen Sünde, in die wir alle verstrickt sind. Aber wenigstens an diesem Samstag abend hatten wir ein bisschen die Vision einer besseren Welt. Anders als Kants Ampel.

photo taken at Heinrichplatz, March 2016

© petrov ahner