Heiko Lange, Filmemacher

Heiko Lange, Filmemacher

Heiko Lange, Filmemacher

Hier bin ich gerne. Das griechische Restaurant Thalassa. Gneisenaustraße 57. Die Straße ist sehr breit und ab 21:00 Uhr leuchten die Straßenlaternen orange. Die B.Z hat die Gneisenaustraße mal als „Berlins traurige Straße der Trinker“ bezeichnet. Für mich ist dieser Teil Kreuzbergs ein bisschen wie ein Warteraum. Der Warteraum für eine andere Zukunft.

Denn das Andere mag man in Berlin. Eine Zeitlang war das unvollendete Berlin das, was anders war. Jetzt ist das Andere ein Wirtschaftsmodell. Das ist nichts Ungewöhnliches aber spannend? Am Ende ist es die Jugend, die es wieder ändern wird.

Photo taken at Kreuzberg, June 2017

© petrov ahner

Ina Weisse, Autorin & Journalistin

Ina Weisse

Ina Weisse, Autorin & Journalistin

Ich war lange nicht mehr hier. Zehn Jahre vielleicht. Die Eiche, unter der ich sitze, war damals ein Bäumchen. Ich staune, wie groß sie in der Zwischenzeit geworden ist. Die Länge der Bäume ist sichtbar gewordene Zeit.

Das Denkmal hinter mir diente uns damals als Fußballtorwand. Wie im ZDF- Sportstudio hatte man drei Versuche, um durch eine der beiden Öffnungen in der Granitwand zu treffen. Ein paar Mal ist es mir tatsächlich gelungen, das Leder durch das Loch zu zirkeln. Ich trug dabei die gleichen silbernen Fußballschuhe wie auf dem Foto.

In meinem ersten Berliner Spätsommer und Herbst waren wir ständig hier auf der Wiese vor dem Kanzleramt, um zu dritt Fußball zu spielen. J. mein damaliger Freund und Vater meines Sohnes Benjamin, Benjamin und ich. Wir waren ganz frisch von München nach Berlin gekommen und unser Leben war komplett aus den Fugen. J und ich waren dabei, uns zu trennen.

Zuschauer konnten demnach eine ziemliche verzweifelte Kernfamilie bei ihrer Therapiestunde beobachten. Das gemeinsame Spiel war der Versuch, wieder zusammen zu finden. Die Leidenschaft trieb uns dazu, uns so rücksichtslos zu verhalten wie pubertierende Jugendliche. Schreiend jagten wir uns gegenseitig den Ball ab und erzeugten dabei jede Menge Wärmeenergie. Einmal fiel ich auf meine Faust und zog mir eine böse Rippenprellung zu. J. und ich hatten trotzdem das Gefühl, uns durch das Spiel wieder näher zu kommen. Benjamin genoss es, sich mit seinem Vater zu messen.

Was mich damals als Berlinneuling wirklich beeindruckte, war dieses Gefühl der Endlosigkeit, dass sich auf dem riesigen Feld einstellte. Unsere Rufe verloren sich unter dem weiten Himmel. Das Kanzleramt, von der Berliner Schnauze sofort in Waschmaschine umgetauft, war unwirklich nah. Im Hintergrund sieht man die Kuppel des Reichstags schimmern.

Schon immer hat sich die Macht mit Hilfe der leeren Räume inszeniert, mit denen sie ihre repräsentativen Gebäude umgibt und sie so umso eindringlicher zur Geltung bringt. Das Reizvolle am Berliner Regierungsbezirk aber ist, wie ungepflegt und vertrocknet der Rasen vor dem Kanzleramt da liegt. Im Gegensatz zur üblichen Haltung der Mächtigen, die sich von ihren Untertanen distanziert, ist die Botschaft an die Berliner eine ganz andere: Eine ziemliche Gleichgültigkeit, ja Wurstigkeit kommt zum Ausdruck, die aber gleichzeitig auch die Erlaubnis beinhaltet, den freien Raum nach Belieben mit Bedeutung zu füllen.

Berlin, die Stadt, die niemals ist, heißt in meiner kürzeren Version der berühmte Satz von Karl Scheffler: Berlin sei dazu verdammt, „immerfort zu werden und niemals zu sein“. Berlin, die Stadt der freien Räume, der Schmuddelecken, der Dunkelheit. Das Letzte, das Verlorene, das Unfertige, das ist es doch, was unsere Phantasie beflügelte. Das Neue, das Glatte, das Perfekte ist für andere Städte bestimmt. Und nichts, so glaubte ich, könne sich je daran ändern.

Aber irgendwann musste auch in Berlin die Vergangenheit der Gegenwart weichen, die Tiefe der Oberfläche und das Alter dem Neuen. Umso begeisterter nehme ich zur Kenntnis, dass ausgerechnet im Schatten der Macht eine Lücke gelassen wurde, bis heute. So wir wie damals mit dem Ball unserer verlorenen Liebe nachjagten, kann dieser vernachlässigte Platz in seiner ganzen Nutzlosigkeit zum Gegenstand ganz neuer Erfahrungen werden.

Photo taken at Reichstagswiese, May 2017

© petrov ahner

Ercan Yasaroglu, Besitzer Café Kotti & Sozialarbeiter

Ercan Yasaroglu, Besitzer Café Kotti & Sozialarbeiter

Ercan Yasaroglu, Besitzer Café Kotti & Sozialarbeiter

“So geht es nicht weiter mit der Provokation Raum Kotti !

Die Situation am Kottbusser Tor in Kreuzberg hat in letzter Zeit bundesweit Aufmerksamkeit ausgelöst. Auch wenn die oft reißerische Berichterstattung den falschen Eindruck erweckt, der „Kotti“ sei eine Art Kriegsgebiet, nimmt die Kriminalität an diesem Ort, ebenso wie in anderen Teilen von Kreuzberg und Friedrichshain, bedrohliche Züge an. Wir als Gewerbetreibende am Kottbusser Tor haben über Jahrzehnte in einem sozial nicht immer einfachen Umfeld gelebt. Unsere Geschäfte zeugten von großer Initiative und haben das Viertel stabilisiert. Jetzt allerdings werden intaktes Zusammenleben und Sicherheit im Kiez stark in Mitleidenschaft gezogen, weil kriminelle Banden Angst und Schrecken verbreiten. Seit über einem Jahr sind Raub und Körperverletzung buchstäblich an der Tagesordnung; Frauen und Homosexuelle werden sexuell belästigt. Wer „angetanzt“ wird und sich wehrt, muss mit Schlägen und Messerstichen rechnen. Teile der Täter haben unmittelbar nach den Anschlägen in Paris schamlos vor Freude auf der Strasse getanzt – die islamistische Tendenz birgt ein zusätzliches Drohpotential.

Betroffen sind Anwohner, Gewerbetreibende und Gäste. Mittlerweile führt die ständige Vorsicht zu einer regelrechte Einschränkung der Freiheit – und das in einem Viertel, in dem die individuelle Freiheit immer ein hohes Gut gewesen ist.

Schon häufiger haben Anwohner und Gewerbetreibende mit Unterschriftensammlungen gegen die unzumutbaren Umstände protestiert. Wir haben mit Verantwortlichen im Bezirk und Senat das Gespräch gesucht, aber wir sind überwiegend auf Ignoranz gestoßen oder mit Beschwichtigungsversuchen abgespeist worden.

Wir haben das Gefühl, dass wir hingehalten werden. Wenn die Situation sich zuspitzt wie etwa nach einer tödlichen Selbstjustiz gegen den Drogenhandel im nahegelegenen Görlitzer Park, dann sind die ad hoc stattfindenden Großeinsätze der Polizei nicht angemessen und situationsorientiert. Oftmals unterscheiden diese Einsätze nicht zwischen Tätern und jungen Männern aus der Nachbarschaft, die wegen ihren „südländischen Typs“ unter Verdacht geraten. Zudem wird selten über die Konsequenzen von Einsätzen nachgedacht – wie die Verschiebung des Drogenhandels an andere Orte, wo dann neue Probleme entstehen.

Die Amtierenden auf Bezirks- wie auch Senatsebene wirken dabei nicht nur realitätsfern, zwischen der grünen Bezirksregierung und dem CDU-Innensenat
gibt es einen andauernden Konflikt über politische Ziele und Maßnahmen, die hier penetrant auf dem Rücken der Bewohner ausgetragen wird: zumeist durch Untätigkeit.

Im Hinblick auf vergleichbare Vorkommnisse und öffentlich agierende Strukturen in Hamburg, Düsseldorf oder Köln drängt sich der Eindruck auf, als würden solche Zustände von der Politik absichtlich in Kauf genommen. Denn das kriminelle Verhalten von wandernden Banden, die nach EU-Recht im Schengen-Raum frei bewegen, wurde genutzt, um der „Willkommenskultur“ ein Ende zu setzen. Seitdem wurden hektisch die Gesetze verschärft, Rücknahmeabkommen geschlossen mit Diktaturen und schnellere Abschiebungen angedroht.

Es scheint aber eine Rolle zu spielen, wo Kriminalität auftritt. Wir müssen davon ausgehen, dass in den sogenannten bürgerlichen Vierteln bei ähnlichen Problemen schnell und effektiv vorgegangen würde, während die Geschäftsleute mit Migrationshintergrund in einem traditionell vielfältigen Viertel offenbar nicht als bürgerlich wahrgenommen werden. Aber was wird geschehen wenn sie zu Selbstjustiz greifen? Dann ist von „ethnischen Auseinandersetzungen“ die Rede. Die passen wiederum ins oben genannte Raster aus Polizeiverhalten und politischem Interesse: In diesen Vierteln gibt es ohnehin keinen zivilen Umgang …

In Kreuzberg selbst wird die Thematisierung der Probleme von der unkritischen und ideologischen Haltung von manchen Parteivertretern, Mitgliedern von Lobbyvereinen oder linken Aktivisten unterschiedlicher Herkunft verschleppt. Vor allem gibt eine falsche Angst davor, die klare Benennung der Missstände führe zu mehr Rassismus. Tatsächlich aber sorgen Verschleierung und Verschweigen für Verdächtigungen aller Art.

Was wir dringend benötigen sind gemeinsame Handlungsstrategien, die wiederum nur dann entstehen können, wenn wir die Vielfalt der Stimmen aus dem Kiez als Ressource in die Lösung einfließen lassen. Wir fordern weder Verschärfung der bestehenden Gesetze noch schlicht mehr Polizisten, sondern vor allem Gleichbehandlung. Wir fordern, dass sich die Akteure ohne Vorurteile und Scheuklappen an einen Tisch setzen.

Es kann nicht sein, dass Rechtlosigkeit in den „guten“ Teilen der Stadt bekämpft wird, aber dort wo wir leben, offenbar hingenommen wird. So geht es nicht weiter.”

Photo taken at Café Kotti, Kottbusser Tor, May 2017

© petrov ahner

Jörg Hasheider, Künstler & Kurator

Jörg Hasheider, Künstler & Kurator

Jörg Hasheider, Künstler & Kurator

Als ich 1985 nach Berlin zog, war SO 36 das Herz der Revolte. Die anarchische Energie der Häuserkämpfe schwappte nach 89 in die Ostberliner Freiräume und schlug sich tapfer in der Club-und Kunstszene. So langsam scheint ihr die Puste auszugehen, aber an ihrem Ausgangspunkt spürt man noch ihr Potenzial.

Im Café Kotti schwebt man in einer Atmosphäre des freundlichen Dilettantismus und der Sprachverwirrung – über türkischen und arabischen Händlern, afrikanischen Dealern, rumänischen Taschendieben, marokkanischen Antänzern, Säufern, Junkies, Hipstern, Touris und anderen Berlinern, untermalt von Martinshörnern, Blaulichtern und einem Helikopter, der gelegentlich mal nach dem Rechten sieht.
„Hey Alter, was geht?“

transformator-plus.com

Photo taken at Café Kotti, Kottbusser Tor, May 2017

© petrov ahner

zettelmann, pataphysiker, metamaterialist & freischaffender tagelöhner

_mg_9141

zettelmann, pataphysiker, metamaterialist & freischaffender tagelöhner

Vom Versenken der Île de nilreB

“gründe?
wenn jeglicher boden ständig wegbricht, ist es zeit, fliegen zu lernen.
weg zu brechen.”
(tzu-sa-gen, 2009)

…in der s-bahn befallen mich gedanken:
umfragen ermitteln 14% potentielle afd-wähler in berlin. widerlich. diese rassistenquote liegt sogar über dem bundesbürgerdurchschnitt. fast jeder siebte. tanz den adolf hitler. ich betrachte die mitreisenden und beginne abzuzählen.

eins.

zwei.

drei.

vier.

fünf.

sechs.

sieben.

du also.

ich habe lust, dich am kragen zu packen und dir ins gesicht zu schreien:

“du dummscheißender angstbürger übernimmst die geistige patenschaft für einen im mittelmeer ertrunkenen mitmenschen. ist dir das klar du verpisste kleine rassistenratte? leute wie dich sollte man zum sozialisieren erstmal ohne pass und begrüßungsgeld in eins der länder aussetzen, die unsere neoliberalen weltherrscher ins strukturelle elend gestoßen haben. und wenn du jemals wieder in einem europäischen land auftauchen solltest, hast du hoffentlich kapiert, was menschlichkeit und solidarität bedeutet. sonst kannst du gleich wegbleiben. rassisten aller länder, verpisst euch zur nächsten marsmission!”

…leider zu selten setze ich diese gedanken in die tat um.

gern würde ich an dieser stelle schreiben, was für eine schöne, weltoffene, kommunikationsfreudige stadt voller kreativer freiräume das hier sei oder dergLeichen gemeinplätze mehr.

in den 80gern erschien es mir der einzige erträgliche ort in tschland. die ersten kriegsdienstflüchtlinge aus meiner brd-kleinstadt-umgebung waren in der wiener straße gestrandet. dort herrschte nie, aber lebte: die ANARCHIE. in irgendwie cool betitelten, schwarzgestrichenen kaschemmen mit flackernden neonröhren tranken wir billiges bier und meine berliner freundInnen erzählten mit leuchtenden AUgen von den letzten maiRANdalen am görlitzer bahnhof. unter dem bahnhofsgelände durch – wo jetzt die ökoyuppies ihre verhätschelten kinder & hunde laufen lassen – führte damals noch der pissetunnel, ACHse des bösen.

ich aß meinen ersten falaffel im RISANI, welches übrigens bis heute, mit der gleichen arabischen gastfreundschaft und derselben musik wie damals, seine gäste empfängt. auf der straße sammelten punks für die nächste hausbesetzung in der wrangelstraße. da wurde ein bettlaken aus dem fenster gehängt, auf dem in handgeschriebenen, roten lettern DIESES HAUS IST BESETZT prangte, das A schwarz umkringelt. als am nächsten tag die hundertschaft polizisten dort eindrang, war natürlich NIEmand mehr in dem leeren haus. die punks versoffen die soligelder an der nächsten straßenecke oder investierten in sekundenkleber, den sie nachts in die schlösser der eingangstüren der lokalen konsumtempel knetschten…
DAS war der ort meiner tRäume. ich bewarb mich um KUNST. wurde abgelehnt. so verschlug es mich zur handwerklichen ausbildung woanders hin.

1989 kam der wilde osten. norbert, mein erster freund aus der zukünftigen ex-ddr führte mich durch häuserschluchten mit kriegseinschusslöchern im grauen putz. ich streifte tagelang durch die zerbröselnde und aufregende stadtlandschaft im berliner osten, fotografierte die rissigen, sich überlagernden ladenbeschriftungen. die halbe stadt stand leer & schrie nach freiheit & erfüllung. kunst drang aus allen poren der leerstehenden häuser, remisen, fabrikhallen. du hattest eine idee und nahmst dir den raum dafür, sie in die welt zu stellen. trittleitern führten durch belle-etage-fenster in räume, die für eine nacht der angesagteste ort der stadt waren. wir trafen uns zu R.A.M.M.-performances im tacheles, streiften ziellos durch friedrichshainer nächte und verloren uns auf partys mit schräger russischer musik in unterirdischen katakomben am arkonaplatz. am nächsten tag war alles verschwunden.

es gab 1995 immer noch keinen nützlichen grund, hierher zu ziehen. es gab aber auch keinen grund mehr, das nicht zu tun. ich zog in die ost-west-patchwork-WG nach weißensee. das institut für ‘pataphysik gründete seine erste und einzige terrestrische dependance auf der île de nilreB und machte weiter, wo es niemals aufgehört hatte. du setztest dich in irgendeiner kneipe auf einen freien platz zu wildfremden menschen und begannst ein gespräch. “…und was bist du so für ein sternzeichen?”, fragten die aus dem westen. “…und wo bist du so her?”, fragten die aus dem osten. um den viertelstundenlangen schubladenbildungen zu entgehen, was ich so für ein mensch wäre, antwortete ich ausweichend: “qualle”, “vom dorf”. das half vorübergehend.

eine damalige freundin bürgerte mich im osten ein, als sie sah, wie ich rotglänzende bonbonpapiere glattstrich, weil man die vielleicht mal für irgendetwas brauchen könne. wir lebten in unbeständigen doch selbst gewählten konstellationen. suchten den raum, uns das leben zu nehmen, die klischees in alufolie zu verpacken und in der spree zu versenken, existenznot zum habitus des widerstands zu erklären. wo denn sonst, wenn nicht hier. der rest der republik war grauenhaft verspießbürgert…

wir verpassten es poetisch höhnend, eigene strukturen zu bilden, die sich dem ausverkauf des RAUMS wirksam hätten entgegenstellen können. folgerichtig übernahmen die neoliberalen R-volks-bürger in den 2000ern die MACHT, die wir niemals ergreifen wollten. sie ließen ihre investitionen pastellfarben streichen und verdoppelten solange die herrschenden mieten, bis wir angepisst das langweilig und teuer gewordene mittelberlin dem mittelmaß überließen.

inzwischen befinden wir uns also auf einer der gnadenlosesten baustellen des neokapitalismus. unsere ehemaligen freiräume werden systematisch geräumt, abgerissen, profitabel als eigentumswohnungen verkauft, mit grün lackiertenbaumarktzäunen abgesperrt.

plötzlich schreiben wir nicht mal mehr ANARCHIE UND LEBENSLUST auf unsere fahnen, sondern versuchen, bürgerliche begrifflichkeiten wie MENSCHENRECHTE oder KULTUR oder GRUNDGESETZ gegen die anbrandende dummheit eines neuen nationalismus, eines neuen religionsfanatismus, des ewig alten kapitalismus aufrechtzuerhalten.

die betätigungsfelder verlagern sich. du gehst irgendetwas arbeiten. du bezahlst deine immer teurer werdende miete. du lernst den umgang mit den jeweils aktuellen kommunikationsmedien. du siehst deine kinder davonfliegen. du ackerst in einem kleingarten herum. streitest dich mit gartenzwergen. trennst deinen müll sorgfältig. trennst deine beziehungen sorgfältig. sortierst deine erinnerungen in die dafür bereitgestellten bunten boxen. vermeidest den umgang mit menschen, die dir auf die nerven gehen könnten. grüßt höflich. isst soja-joghurt.

l’île de nilreB erscheint nicht mehr wirklich als ein ort, um in kreativen enthusiasmus auszubrechen. vielleicht ein geeigneter ort, sich zu verweigern. der kultur den streik zu erklären. den verfetteten arschgeigen in die fressezu spucken, die ihre schicke karre in der zweiten reihe parken, um zu fragen, was denn hier los sei.

“nichts ist los hier, fuzzi. bullenwagen klaun und die innenstadt demoliern. geh zurück in deine welt, dich langweilen.”

entgegnest du flappsig & gehst nach hause, in die e-mails schauen, ob demnächst irgendwelche dringlichen tätigkeiten erforderlich werden, hoffentlich nicht bei dem typen, den du soeben beschimpft hast.

bist du schon so tot, wie diese stadt, die auch nur ein zusammenbrechen des systems offenbart?

willst du dabei zusehen, wie sie die île de nilreB, letzte bastion utopias, endgültig versenken?

willst du achselzuckend weg gehen?

welchen weg?

wohin?

zettelmann, île de nilreB, dezember 2016

pataphysik.org

Photo taken at Karlshorst, Dec 2016

© petrov ahner

Tom Strohschneider, Journalist & Autor

_mg_3085

Tom Strohschneider, Journalist & Autor

Meine Baustelle

Wenn ich ein übergreifendes, immergültiges Wort für diese Stadt finden müsste, dann wäre es: Baustelle. Ich bin in den östlichen Randbezirken aufgewachsen, als diese sich wie ausgekippte Flüssigkeit mit immer neuen Wohngebieten über die letzten dort noch vorhandenen Äcker ergossen. Man konnte wunderbar zwischen Betonplatten und Stahlresten spielen. Später wohnte ich in Stadtteilen, in denen jeden Tag ein neues Haus eingerüstet wurde, alles musste »modernisiert« werden, vieles wurde dadurch nicht schöner, sondern nur glatter. Und teurer. Irgendwann begriff ich, dass Berlin ohne Baustellen gar nicht existieren kann, Bauen ist die Lebensform dieser Stadt, die nicht fertig werden kann und will. Und die Baustellen hervorbringt wie Muttermale – selbst dort, wenn es gar nichts zu bauen gibt. Vor meinem Fenster in Kreuzberg liegt seit ein paar Jahren ein mit Warnplanken eingehegter Schutthaufen, überwacht von einem Baustellenschild. Zu seinem nächsten Geburtstag bringe ich ihm Blumen mit.

Berlin lässt sich auch politisch am ehesten als eine Baustelle betrachten. Hier funktioniert vieles anders, manches wird nur provisorisch errichtet und hat erst später und anderswo Bestand. In Berlin können Leute Politik machen, die in, sagen wir: Bayern, nicht einmal in einen Ortsbeirat gewählt würden. In Berlin können sogar Leute wie ich Chefredakteur werden. Vor ein paar Jahren bin ich zum »nd« zurückgekehrt, eine linke Zeitung, in der zu lange nicht mehr umgebaut worden war. Es wurde meine Baustelle und ist bis heute die mir liebste geblieben. Sie nervt manchmal, aber sie bringt auch wunderbare Momente hervor – wenn du siehst, dass Dinge, von denen immerzu gesagt wird, das klappt doch nie, dann doch funktionieren. Die Redaktion sitzt am Franz-Mehring-Platz in einem Haus, das auf seine Weise eine Baustelle geblieben ist – in seinem Herzen. Das ist ganz wörtlich gemeint. In dem Haus gibt es noch versteckte Reste einer alten Kantine, ein verwunschener Ort mit aufgerissenen Decken, alten Kühlräumen, zerschlagenen Fliesen. Gerade sind dort die Handwerker unterwegs. Es ist eben Berlin, meine Baustelle: Nichts bleibt, wie es war.

Photo taken at former canteen of “Neues Deutschland”, Friedrichshain, Sept 2016

© petrov ahner

Bernhard Kempen, Autor, Übersetzer & Kabarettist

_mg_2642

Bernhard Kempen, Autor, Übersetzer & Kabarettist

 

Babsi’s Walk on the Wild Side

Bernhard kam einst aus dem platten Land
In die Stadt, die West-Berlin genannt.
Studiert ne Weile, hat ne Frau,
Lässt sich scheiden, ja genau.
Sagt: Hey babe, take a walk on the wild side!
Sagt: Hey Mann, ich geh heut mal ins DarkSide!

Schreibt Geschichten, dichtet gern erotisch,
Pornographisch, frech und auch exotisch.
Liest und spielt und singt unplugged,
Zieht ne Show ab, macht sich nackt.
Sagt: Hey babe, take a walk on the wild side!
Sagt: Hey Mann, das ist dichterische Geilheit!

Schreibt frivol, veräppelt Friedrich Schiller,
Erzählt vom Mund und auch von Muschi Üller.
Den Exhibitionisten und
Sein’n besten Freund gibt er jetzt kund.
Sagt: Hey babe, take a walk on the wild side!
Sagt: Hey Mann, jetzt nutz ich meine Zeit!

Und die Swinger singen:
Do do-do …

Eines Tages kauft er ’ne Perücke,
Rock und Highheels, lauter geile Stücke,
Strümpfe, Slip und Push-BH,
Stöckelt los, nennt sich Barbara!
Sagt: Hey babe, take a walk on the wild side!
Sagt: Hey Babsi, ich nehm mir jetzt die Freiheit!

Lebt jetzt gerne auch mal transvestitisch,
Leidenschaftlich und durchaus politisch.
Ist mal Mann und ist mal Frau,
Nimmt es nicht mehr so genau.
Sagt: Hey babe, take a walk on the wild side!
Sagt: Hey Leute, ich bin für euch bereit!

Und die Transen singen:
Do do-do …

© 2015 Bernhard Kempen, frei nach Lou Reed

Bernhard’s song on youtube

Photo taken at Bernhard’s apartment, Schöneberg, Sept 2016

© petrov ahner