Judith von Radetzky, Theatermensch

Judith von Radetzky-Theatermensch

Judith von Radetzky, Theatermensch

„Mama, Mama, die Russen sind in Prag einmarschiert.“ Ich springe auf vom Fernseher, es ist 1968, ich bin 11 Jahre alt, verstehe nicht wirklich die Bedeutung dessen, was ich sage, aber doch, dass etwas Schreckliches geschehen ist, was die Familie mit Abscheu schon tagelang erwartete. Entsetzen in den Gesichtern, Empörung, Tränen.

In unserer Familie sind die Nazis nie vergessen worden. Niemand konnte und wollte den Mord an den vielen Millionen Menschen ad acta legen. Und dann die stark empfundene und reale Bedrohung durch die Sowjets, der Mauerbau, die Schikanen, die Luftbrücke, die geschlossenen finsteren U-Bahnstationen…

Westberlin – hier haben meine Eltern die Freie Universität mit gegründet, waren die ersten
Studenten, wollten sich nicht politisch bevormunden lassen an der Humboldtuniversität. Die Fronten waren klar, denn die Bedrohung war real.

Heute ist Berlin eine freie Stadt. Fuckparade oder Loveparade. Alles ist möglich in jede Richtung. Aber sind wir wirklich im Kopf und Herzen weit? Sind wir auch wehrhaft gegen erneute Radikalisierung, Fanatismus, engagiert, empört, gab, gibt es wirklich einen Bewusstseinssprung? Verstehen wir wo wir herkommen, verstehen wir wo wir hingehen? Ist sich Berlin selbst zur Gefahr geworden – ein Moloch von Geschwätzigkeit?

graphit-theaterlabor.de,

photo taken at Judith’s apartment, Wilmersdorf, Sep 2012

©petrov ahner

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