
Tom Strohschneider, Journalist & Autor
Meine Baustelle
Wenn ich ein übergreifendes, immergültiges Wort für diese Stadt finden müsste, dann wäre es: Baustelle. Ich bin in den östlichen Randbezirken aufgewachsen, als diese sich wie ausgekippte Flüssigkeit mit immer neuen Wohngebieten über die letzten dort noch vorhandenen Äcker ergossen. Man konnte wunderbar zwischen Betonplatten und Stahlresten spielen. Später wohnte ich in Stadtteilen, in denen jeden Tag ein neues Haus eingerüstet wurde, alles musste »modernisiert« werden, vieles wurde dadurch nicht schöner, sondern nur glatter. Und teurer. Irgendwann begriff ich, dass Berlin ohne Baustellen gar nicht existieren kann, Bauen ist die Lebensform dieser Stadt, die nicht fertig werden kann und will. Und die Baustellen hervorbringt wie Muttermale – selbst dort, wenn es gar nichts zu bauen gibt. Vor meinem Fenster in Kreuzberg liegt seit ein paar Jahren ein mit Warnplanken eingehegter Schutthaufen, überwacht von einem Baustellenschild. Zu seinem nächsten Geburtstag bringe ich ihm Blumen mit.



